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MACup 10/2000

Stephan Selle über Iridium, UMTS und i-Wear

Pop goes Web. Oder: Pubertät leaves phone and goes chatroom
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Vielleicht geht das Projekt als moderne Variante des Turmbaus zu Babel in die Geschichte ein: Iridium ist tot. Die Sputniks dürfen - im Einverständnis mit dem Konkursverwalter, denn da werden ja Werte vernichtet - abgeschossen werden. Dieses ehrgeizige Projekt, die Welt mit einem Kranz von Satelliten zu umgeben, überspannte den Bogen der universellen Erreichbarkeit. Sechsundsechzig Fernmeldemöndchen für zwei Einhandsegler und ein halbes Dutzend Polarforscher, das rechnete sich nicht. Und als Lifestyle-Objekte waren die Telefone zu groß, denn small is immer noch beautiful. Klar wollen wir überall erreichbar sein, aber doch nicht überall! Also Achtung, liebe Abenteuerurlauber im zünftigen Range Rover: Ihr könnt jetzt nicht mehr aus der Sahara den nächsten Getränkeshop anrufen oder den daheim Gebliebenen etwelche Fata Morganen in blumigsten Farben beschreiben. Die Wüsten bleiben wüst.

Wie erstaunlich dagegen die Bieterei um die UMTS-Lizenzen: Iridium hat insgesamt 2,2 Milliarden Dollar gekostet, die Lizenzen dagegen ... Ich selbst habe an dieser Stelle von einigen Monaten WAP über den grünen Klee gelobt, vor allem, weil ich den PC nach wie vor nur für das zweitbeste Gerät für den Internet-Zugriff halte. Aber ist UMTS das beste? Oder irgendein Gameboy? Oder mein Fernseher? Wenn es UMTS nicht ist, dann Gnade uns Gott bei den Telefongebühren, denn irgend woher müssen sich die Gewinner das Geld ja wieder zurückholen. Letztendlich zahlen wir die Zeche ohnehin. Hans Eichel darf sich über eine sehr indirekte Steuer freuen, über die wir alle zur Reduzierung des Staatsdefinzits beitragen.

Ob wir in drei Jahren alle komplexe Minigeräte mit flächendeckenden Bildschirmen bei uns tragen? Es gab ja schon mal alternative Konzepte, zum Beispiel Projektionen in die eigene Brille, daneben eine Webcam im Fingerring, mit der ich gerade geknipste Fotos senden kann."Body-Net" hieß diese Veranstaltung, die neuerdings durch konkrete Forschungen im Bereich intelligenter Kleidung, so genannte i-Wear, getoppt wird. Ich erspare uns die zweifelhaften Nützlichkeiten, die sich die Kleidungsforscher dort ausdenken (Schweiß messen, Herzschlag prüfen, vor sich anschleichenden Bösen Bunken warnen): Was wäre denn für jemanden wie mich intelligente Kleidung? Eine Hose, die mir sagt, wie viel Kleingeld ich in der Tasche habe, damit ich nicht immer wühlen muss, bevor ich merke, dass es für das Bier wieder nicht reicht. Eine Joppe, die mit Kamera den Gesprächspartner scannt und mir den Namen sowie die Daten unseres letzten Kontakts souffliert. Schuhe, die beim Gehen Strom für mein Handy, meinen Walkman und meine Kamera erzeugen, der Netzstecker ist im Gürtel. Ein Schlips, der sich selbst bindet. Und eine Spracherkennung für die gesamte Klamotte: "Stephan ausziehen!" führt dazu, dass sich der Schlips entknotet, die Hemdknöpfe öffnen, der Gürtel auseinanderfährt, der Reißver-schluss sich mit den Hosenknöpfen öffnet und die Senkelschleife sich entschlingt. Nach kurzem Schütteln würde sich meine gesamte Garderobe devot zu meinen Füßen kräuseln. "Zusammenfalten und ablegen!" wäre dann auch noch schön. Derselbe Befehl mit der Vornamen meiner Freundin führt zum entsprechenden Ergebnis auf der anderen Seite. Aber so was plant natürlich kein Schwein!