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Noch ne Schangße

"Gott, wer macht denn jetzt noch eine Internet-Agentur auf?" Michel flüsterte; angesichts der etwa dreißig Gäste wollte er sich nicht sofort als Party-Schwein outen. Ich war allerdings auch gespannt, die Wahnsinnigen zu sehen, die in diesem tristen Umfeld nicht nur eröffneten, sondern dies auch noch feierten. Michel kannte zwei Programmierer und hatte mich mit reingemogelt.

Nun standen wir da: Gläser in der einen, Kippen in der anderen und sahen uns etwas ratlos in den modern-kahlen Räumen um. Bei elf Uhr die Büfetttischchen, bei vierzehn Uhr die Bar, also erst mal Richtung elf. In der ersten Schüssel haufenweise Wiener Würstchen, in der zweiten scheinbar anständiger Kartoffelsalat. Michel und ich sahen uns an und wölbten jeder unsere Unterlippe anerkennend nach vorn: Das sah vernünftig aus, vielleicht hatten die Jungs ja doch eine Schangße (wie Berti Vogts immer sagt).

Also die Teller gefüllt und dann hinein in den Wald von Bistrotischchen, den Kontakthof jeder anständigen Party. Und siehe da, wir landeten an einem Tisch mit einem durchaus launig aussehenden älteren Pärchen. Nabend-nabend-nabend, freundlichstes Gegrüße ringsrum, zwei Bemerkungen zum Essen und dann die spannende Frage der Dame, wie wir denn die Einrichtung fänden: also umblicken und gucken. Kahl, wie gesagt, vielleicht auch leer, die Vorhänge stachen ins Auge — sieht man ja heute eher selten in Büros. Also startete Michel: "Eigentlich ganz nett, nur die Vorhänge: Magenta mit dem Muster kommt ja«n büschen ..."- er kramte nach dem korrekten Wort -..."fänh... geschmacklos, oder?" Er sah mich bestätigungheischend an. Da ich gerade etwa zwei Wienerle quer im Hals hatte, konnte ich nur zustimmend nicken; ein Kopfschütteln hätte zu einem Wangendurchbruch geführt. Interessant war die Reaktion: Fassungslosigkeit, Entsetzen, Verschlucken-Husten. Während der Part-ner/Freund ihren Rücken prügelte, erklärte er: "Sonja ist hier die Design-Beraterin und hat den Stoff ausgesucht."

Selber schuld - was fragt sie auch so direkt. Michel und ich deuteten mit gestischen Trinkbewegungen an, dass wir uns Nachschub zu holen gedächten und verließen den Tisch, um drei Minuten später drei Tische weiter mit frisch gefüllten Gläsern wieder dazustehen, diesmal jedoch ohne weitere Gäste. "Ab Anfang nächsten Jahres kommt wohl AirPort 2", meinte Michel. "Angeblich gibt’s schon Prototypen. Dabei soll einer der Standards IEEE 802.11g oder 802.11a den momentan verwendeten 802.11b ersetzen. Variante g soll mit 22 Megabit pro Sekunde doppelt so breit wie der bisherige Standard sein, Variante a sogar fünfmal. Allerdings ist die Reichweite dann auf 20 Meter beschränkt." — "Hmm-hm, zwanzig Meter?!?" Ich meine, was sagt man da? Mögliche Varianten waren: "Ach komm, die machen 11 g? Sind die verrückt?" Oder: "Variante g soll ja besser sein, ich meine, immerhin, doppelte Bandbreite!" Vielleicht: "Nun ja, 20 Meter, das reicht für, äh, Bett-Klo-Küche-Bad-Balkon, also dicke genug!" Michel nahm meinen Satz als das, was er war: eine Bestätigung. Also fuhr er bestärkt fort: "Und noch in diesem Jahr kommt ein iMac mit TFT-Display, 14 oder 15 Zoll, bei dem die Rechner-Einheit in den Fuß eingebaut ist. Hier könnte man Technologien aus der Cube-Entwicklung recyceln, da haben sie die Miniaturisierung ja perfektioniert. Man peilt, so die mir zur Verfügung stehenden Quellen, einen Preis von etwa 1500 Dollar an und will sogar noch das Weihnachtsgeschäft mitnehmen." - "In den Fuß? Echt?" Immerhin, darunter konnte ich mir was vorstellen. Obwohl ein iMac ohne Röhrenschirm und mit CPU im Fuß eher wie ein TFT-Monitor aussehen dürfte - ich meine, was wird da noch designt?

Meine Gedanken wurden durch das Rückkopplungspfeifen eines Mikros erheblich gestört. Es begann irgendein offizieller Teil, aha, die Chef-Rede. Michel und ich schoben uns in Richtung Büfett: Solche Reden sollte man nicht anhören, ohne die Grundversorgung sicherzustellen. Praktischerweise standen wir bei den Dessertschüsseln, arbeiteten uns durch und versuchten den Kellner dazu zu bewegen, uns einen Espresso zu bringen. Gerade als der auf uns aufmerksam wurde, sagte Chef: "Und im nächsten Jahr gehen wir an die Börse ..." - so ziemlich alle Hände im Raum klatschten auf alle Stirnen - "... und trinken dort mit allen Mitarbeitern ein Tässchen Kaffee." Er grinste breit. Erleichterung ringsum, dann brausender Beifall. Wir leben in tollen Zeiten.