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Labile Luftzeichen

Michel im Planetarium

Wir hasteten durchs Gebüsch, Zweige peitschten unsere Gesichter, und ab und an rannte uns ein versprengter Jogger beinah über den Haufen. "Rechts jetzt oder links?" Michel schaute sich hektisch um und entdeckte ein miniaturisiertes Straßenschild: Linné-Weg. Hatte der nicht mal Pflanzen systematisiert? Und seinen Sohn mit Beispielen für göttliche Rache pädagogisch gequält? Egal, wir bogen ab, auf der Suche nach einem der markantesten Gebäude der Stadt: dem Planetarium. Ganz wie die Wahrheit: je näher man rankommt, desto unauffindbarer. Die nächste Himmelsshow sollte in etwa drei Minuten beginnen, und wir waren noch ohne Karten, an einem regnerischen Sonntagnachmittag. Der Weg, den wir entlanghasteten, kurvte noch einmal charmant um zwanzig Grad, und POPP, da stand das Ding, in all seiner Größe und Mächtigkeit.

Der Mann an der Kasse schepperte uns zwei blaue Plastikkarten hin, und wir waren zugelassen. Rein in den Vorraum, da standen alle noch rum - also hinhocken, Luft schnappen und bunte Schautafeln begucken. Hier ein wenig Kopernikus, dort etwas Kepler, der große Galilei hatte, scheint«s, Pickel auf dem Mond entdeckt. Ein kilometerlanges Rohr mit einem Mann namens Tycho Brahe dahinter ...

Zwei Sesams öffneten sich, und wir durften eintreten: der Sternenhimmel im November. Wir nahmen in den bequemen Sitzen Platz und lauschten dem Master of Ceremony: Aha, die Leoniden kamen, Meteoritenschwärme aus dem Löwen-Sternbild. Zudem glänzt der November durch einen synodischen Monat, in dem zwei Vollmonde kalendarisch abgedeckt werden. Hmmmm. Zwischendurch bedeckt der Mond den Saturn. Wusste gar nicht, dass im langweiligen November so viel los sein kann. Nun ging es zur Aufzählung der Sternbilder, von denen wir uns vorerst zu verabschieden hatten, eine Gelegenheit, die Michel wahrnahm, um geflüsterte Einlassungen zu tätigen: "Während am Himmel offensichtlich alles nach Plan geht, gibt es hier auf Erden, vor allem in Cupertino, eher Verzögerungen: Der G5-Prozessor zum Beispiel, der soll jetzt doch erst Mitte 2002 kommen. Angeblich gibt es da Probleme, wie sie auch schon früher bei der Entwicklung aufgetreten sind. Aber Apple will die Produktion unbedingt so timen, dass kurz nach der Vorstellung der neuen Rechner wirklich schon genügend Chips da sind, um die Leute nicht wieder mit Neuheiten zu ärgern, die sie noch gar nicht kaufen können." Der Vordermann, offenbar ein labiles Luftzeichen, drehte sich rum und zischte in Richtung Michel, erntete dafür aber nur einen zurechtweisenden Blick mit anschließender Vortragspause vom Podium: So was mag der Deutsche nicht. Man merkte dem Kollegen an, dass er am liebsten aufgesprungen wäre und mit einem dröhnenden "Geben Sie Gerechtigkeit, Sire!" die Veranstaltung in ein Tribunal verwandelt hätte.

Michel zeichnet in solchen Situationen eine ganz spezielle Gehässigkeit aus: "Könnten Sie - BITTÄ - aufhören zu zischen!", rief er laut nach vorn. Gottseidank war es dunkel ... Dann wieder in aller Ruhe zu mir: "Der iMac mit eingebautem TFT lässt weiter auf sich warten. Inzwischen meinen die, die sich mit so was auskennen, dass es sogar Frühling werden könnte, bis das Killerprodukt kommt. Den Rechner passend klein zu kriegen, dürfte gar nicht nicht das Problem sein. Hier hat Apple mit dem Cube Erfahrungen gesammelt. Nein, die warten, bis die Preise bei den TFTs richtig im Keller sind, um dann wirklich preisgünstig in den Markt zu gehen. Vielleicht klappt«s ja doch noch früher ..." Der da vorne brach bald seine Lehne ab, so klammerte er mit seinen Flossen. Noch ein Satz von Michel, und er würde wie ein HB-Männchen in den projizierten Kosmos starten.

Und als der Showmaster Näheres zur Neigung des Saturn erläuterte, dann das: "Duhuu, der Saturn, issas nich« der Mond mit die Ringe?", fragte Michel mich deutlich lauter als angenehm. Das war«s. Der Vordermensch, den die Gravitation schon nicht mehr hielt, sondern nur noch seine Fingernägel im Griffholz, fuhr herum und brüllte: "Sie unverschämter Rüpel, können Sie nicht rausgehen und da Ihre dämlichen Bemerkungen loswerden?!" Immerhin: Sie! Michel schaute, öffnete Gesicht und Mund sprachlos, blickte sich Hilfe suchend um und breitete seine Arme mit offenen Händen und hoch gezogenen Schultern aus: keine Waffen und keine Ahnung, was los ist. Des Vorführers Zeigelampe erfasste erst Michel und dann den erregten Umgedrehten. "Würden Sie sich freundlicherweise wieder umdrehen und noch versuchen, fünf Minuten zu folgen. Wir sind nun ohnehin fast durch." Dabei strahlte seine Lampe gnadenlos ins Antlitz des Fassungslosen: Der letzte Rest seines Selbstbewusstseins und seines Glaubens an die irdische Gerechtigkeit wurde ihm gerade weggelasert. "Wenn das Licht angeht, sollten wir zügig gehen ..." Da hatte Michel wohl Recht.


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