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Lieber BSE

Fernsehen und Internet verschmelzen zu einem weltweiten Quasselmedium, das die Informations-Implosion meines Gehirns zum Ziel hat. Dann doch lieber BSE.

Zwei Lektionen über Dämme und darüber, wie und wann sie brechen: Der Musikbranche gelang es in den letzten Jahren, sich erfolgreich gegen die Kannibalisierung ihres Geschäfts durch Online-Wettbewerber zu wehren. Solange die drei Großen zusammenhielten, konnte sich keiner richtig aus der Deckung wagen. Dann kam Napster. Zuerst das übliche Ritual: Der Damm wird durch Klagen, Verfügungen und massive Öffentlichkeitsarbeit gesichert. Bis Bertelsmann aus der Phalanx ausbricht und Napster schluckt. Damit sicherte sich das Unternehmen zum einen eine Publizität, die den Kaufpreis allein schon wert ist (denn wer in den USA kannte schon die Firma Bördelsmän aus dem unaussprechlichen Gütersloh?), und sorgte zum anderen für die ersten feinen Risse im Gefüge.

Drei Wochen später war der Kuchen aufgeteilt: Anfang April warf Vivendi Universal alles in einen Pott mit Sony und Yahoo, nannte diesen Duet und will Zugriffe, Downloads und gemeinsame Playlists anbieten. Zur gleichen Zeit beichtete EMI ihre Verbindung mit HitHive, durch die man dem geneigten Hörer weltweit drahtlosen Zugriff auf das reichhaltige digitalisierte Repertoire ermöglichen will. Mitte April kam auch AOL-Time-Warner aus dem Gebüsch und verband sich mit dem Digital-Distributor OD2, um sichere, bezahlte Downloads möglich zu machen. Und alle zusammen versuchen sich im gemeinsamen MusicNet, damit Pleiten wie Napster künftig nicht mehr passieren. Nach jahrelangem Rumgedruckse reichen ein paar Tage, um die Musikwelt umzukrempeln: Na also, geht doch!

Den Damm wieder zu kitten, wenn das Wasser bereits in breiten Strömen abläuft, ist dagegen viel schwieriger. Italien leistet sich derzeit einen Bürokratismus allererster Klasse: Der Vorsitzende des katholischen Presseverbands Unione Cattolica Stampa Italiana - er trägt den in diesem Job unbezahlbaren Namen Paolo Scandaletti - hat sich mit seinem Vorschlag durchgesetzt, Web-Publikationen unter das normale Presserecht zu stellen. Italiener, die im Netz Informationen verbreiten, müssen in Zukunft einen Direktor in die Journalistenkammer entsenden (welche allerdings nur Vertretern des druckenden Gewerbes offen steht). Der Betreiber einer solchen Website muss sich außerdem beim örtlichen Gericht registrieren lassen und eine Steuer von etwa 400 Mark bezahlen. Da die Italiener ohnehin nicht als die besten Steuerzahler und -verfolger dieser Welt gelten können, muss man sich fragen, wer denn diesen Quatsch umsetzen will.

Natürlich bedauert der demokratisch-rechtsstaatlich erzogene Bürger westlicher Prägung den Verfall der Seriosität im Internet-News-Geschäft: Wer weiß schon noch, was von dem dort Geschriebenen tatsächlich passiert ist, wo doch die Glaubwürdigkeits-Gewährleistung durch eine professionelle Redaktion häufig nicht erkennbar ist? Andererseits ändert das nichts daran, dass aus der Welt der Nachrichten zunehmend eine Welt der Unterhaltung geworden ist, die sich unter anderem als Nachricht verkleidet: Der Skandal (Hallo, Paolo!) frisst die Meldung! Und selbst ich frage mich in trüben Stunden, ob Tadschikistan, Aserbaidschan, Tschetschenien und wie diese kaukasischen Landstriche alle heißen tatsächlich auf unserem Planeten oder nicht vielmehr in einem sehr aufregenden Paralleluniversum existieren.

Angesichts des Maschinengewehrfeuers aktueller Nachrichten aus aller Welt diagnostiziere ich bei mir und vielen anderen aus meiner Alters- und Bildungsgruppe eine zunehmende Konzentration auf den eigenen Wirkungskreis. Wenn Information das Futter der neuen Weltordnung ist, dann verweigere ich die Nahrungsaufnahme. Fernsehen und Internet verschmelzen zu einem weltweiten Quasselmedium, das die Informations-Implosion meines Gehirns zum Ziel hat. Dann doch lieber BSE. Angesichts solcher konkreten Bedrohungen ist die Frage, ob die im Internet verbreiteten Tatsachen auch echte Tatsachen sind, für mich eher sekundär: Ich kann’s ja ohnehin nicht überprüfen. Mir könnt ihr ja alles erzählen! Schlechte Nachrichten kommen ja daher, dass schlechte Politiker nicht die schlechten Tatsachen kontrollieren. Also nicht immer gleich den Boten köpfen, wenn er mal was falsch erzählt.