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Lizenz zum Recht haben

Der Urheber wird zum drängendsten IT-Problem der Zukunft


"Wie werde ich Urheber?" So beginnt ein Leserbriefwechsel zum Thema "Druckerhersteller wehren sich gegen Urheberpauschale" im Internet. Die erste Antwort ("Wirf deine Uhr hin und heb sie wieder auf ...") ist bereits nicht doof, der übernächste Beitrag aber schon schlauer:

Wenn ich über einen Baumarkt meine selbst designten Kloschüsseln vertreibe, wie kann ich dann beim Käufer "Gastsitzungen" lizenzmäßig abrechnen? Oder kann ich Schwarz ... äh, wie soll man so was nennen, vielleicht "Schwarzsitzer", strafrechtlich belangen? Die Antworten auf diese Frage treffen leider alle nicht den Punkt (Verband gründen, Lobbyarbeit machen und so weiter). Bislang könnte man allenfalls die gewerbsmäßige Vervielfältigung verfolgen, also so was wie Untervermietung der Schüssel oder Eintritt gegen Münzgeldentrichtung. Ein Modell wie die Beschränkung auf den tatsächlichen Besitzer (Witz hier unbeabsichtigt) wird erst neuerdings durch Lizenzmodelle wie das von Microsoft zu etablieren versucht.

Wie dem auch sei: Der Urheber ist das IT-Problem der nächsten Jahre. Mal möchte man ihn identifizieren (Kriminelle, Terroristen, Verbreiter von Falschmeldungen), mal honorieren (Dichter, Musiker, Filmer, Softwareentwickler). Beides wird mit der nun mal vorhandenen und - das sollte man an dieser Stelle immer hinzufügen - von den derzeit am herzzerreißendsten Weinenden selbst herbeigeführten Infrastruktur zu einem Dilemma, das nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln lösbar ist. Die Hart- und Weichwarenindustrie lebte davon, dass sie uns alle drei Jahre denselben Quatsch in neuen Tüten verkauft hat: Platten, CDs, Minidisks, schmale Fernseher, breite Fernseher, Rasierer mit erst einer, dann zwei, schließlich drei Klingen, Lesebücher, Hörbücher, Fühlbücher, Riechbücher ... Und nun habt ihr uns die Produktions- und Distributionsmittel mit PC und Internet in die Hand gegeben: Großen Dank! Irgendwie hatte Marx schon recht: Der entwickelte Kapitalismus ist sein eigener Totengräber.

Wohlgemerkt: Ich finde schon, das die Schöpfer schöner Popmusik oder spannender Krimis für ihre Arbeit bezahlt werden sollen. Vielleicht aber in anderer Weise: Ein Fußballer wird ja auch nicht bei jedem Spiel nach der Anzahl der Zuschauer entlohnt. Die heutigen Rechteinhaber machen es sich einfach: Sie verweigern brauchbare Konzepte und verschieben das Problem an die nächsthöhere Instanz: den Staat. Dieser tut, was er in solchen Fällen zu tun pflegt, und führt eine Abgabe ein: auf CDs, auf Drucker (geplant), auf PCs generell (für die Öffentlich-Rechtlichen, gerade verschoben), auf Kassetten und und und ... und damit eine Alimentierung der Kreativen, die von ebenfalls staatlich regulierten Verwertungsgesellschaften entlohnt werden. Kann man machen, ist aber blöde. Wie wär«s denn damit: Der Künstler als Produzent sucht sich eine Agentur, die ihn vermarktet (Madonna wirbt gerade für Microsofts X-Box), vervielfältigt sich selbst - via Internet - und produziert - über eine Herstellergemeinschaft - CDs, Bücher et cetera. Er zahlt seiner Agentur ein festes Honorar. Auch eine normale Werbeagentur profitiert ja nur indirekt von dem zehnmal besseren Verkaufsergebnis, das ihre Kampagne gebracht hat, nämlich beim nächsten Vertrag.

Der Abschied vom guten alten Verlagswesen, in dem die Distributoren auch die Rechteinhaber sind, wurde schon vor Jahren eingeläutet, von den Beteiligten aber selbstredend mit einer Energie gebremst, dass selbst der gutwillige Beobachter nur staunen mag. Die Musikindustrie wärmt den Kalten Krieg wieder auf, indem sie zwei kartellähnliche Zusammenschlüsse der Big Players herbeiführt und ihre Welt in zwei Lager aufteilen will: Warner Music, EMI, BMG und RealNetworks heben den Abodienst MusicNet aus der Taufe, Sony und Universal gründen die Onlinevermarktungsplattform Pressplay. Und schon gibt’s wieder heftigen Ärger wegen Napster, weil Freunde der Tauschbörse wenn, dann überhaupt nur mit MusicNet rummachen sollen dürfen - es dauert aber vermutlich noch das eine oder andere Jahr. Im Augenblick sorgt das ganze Theater nur wieder haufenweise für freudig erregte Anwälte, die sich die gierigen Hände blutig reiben, da nun wieder Kartell- und andere Prozesse auf sie niederregnen.

Der Staat dagegen macht seinen Job: Er erhöht die Tabaksteuer, um damit - folgt man dem mittlerweile kanzlerabel gewordenen Edmund (die Zeitschrift "Pardon" versah ihn, als er noch seinem Herrn Strauß als Kettenhund diente, an dieser Stelle immer mit dem wenig schmeichelhaften Epitheton "Gaga") Stoiber - unter anderem den Terrorismus im Internet (oder "Cyberspace", wie er sich ausdrückt) zu unterbinden. Was ja, für sich genommen, ehrenhaft ist, in die Realität umgesetzt jedoch nichts weiter bedeutet als den erneuten Versuch, staatlicherseits den Informationsstrom im Web zu kontrollieren und - machen wir uns nichts vor - im nächsten Schritt direkt zu besteuern. Hach, ich könnte noch stundenlang ...