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Die Bobos. Der Lebensstil  der neuen Elite

von David  Brooks

Mehr Inforamtionen dazu

Anhand von Heiratsannoncen aus den 90er Jahren wird der Phänotyp des Bobos skizziert: „Natürlich kommen in diesen Artikeln auch die frisch gebackenen Paare selbst zu Wort. Eine erstaunlich große Zahl von ihnen scheint sich im Zielbereich von Marathonläufen oder mit einer Schaufel in der Hand bei Ausgrabungen in Eritrea auf der Suche nach Resten unserer Ahnen aus dem Pleistozän kennen gelernt zu haben. (...) Manchmal lesen wir von modernen Paaren, die sich gleichzeitig gegenseitig Heiratsanträge machen, aber meistens ist es auch heute noch der Bräutigam, der es auf die gute alte Art und Weise aufs Tapet bringt – meist, wie es scheint, im Heißluftballon über dem Nappa Valley oder indem er seiner Angebeteten beim Erkunden gefährdeter Korallenriffe in der Nähe der Seychellen einen Diamantring in ihrer Taucherbrille versteckt.“ (p. 19f)

„... Doch all das versteht sich von selbst, denn Selbstdarstellung ist das A und O jeder bildungsbürgerlichen Existenz und das Leben ein einziges, nie enden wollendes Hauptstudium. Wenn dieses Leute sterben, erwartet Gott sie an der Himmelspforte mit einer Liste all ihrer erfolgreich bestandenen Selbstinszenierungen, überreicht ihnen ein weiteres Diplom und bittet sie einzutreten.“ (p. 21)

Über die 50er Jahre und die Machteliten der Zeit, eine „Ansammlung von weißen Männern über sechzig“: „In jenen Tagen kontrollierten die Protestanten einfach alles: Politik, Wirtschaft und Militär. In den Fünfzigern und frühen Sechzigern konnte man tatsächlich noch von einer herrschenden aristokratischen Klasse sprechen. Diese WASPs hatten zwar nicht das ganze Land in ihrer Gewalt, aber sie besaßen die hypnotisierende Macht des Prestiges.“ (24)

„Diese alte Elite hatte unter anderem die Macht, ehrgeizige Emporkömmlinge mit der falschen Abstammung wie Lyndon B. Johnson und Richard Nixon durch gesellschaftliche Ächtung an den Rand des Wahnsinns zu treiben.“ (p. 25) Und als Parenthese: „(Es scherte sich ja noch  niemand um Cholesterinwerte. Und es war auch noch nicht >out<, krank zu werden oder zu sterben.)“ (25)

Über Protestantismus und Rassismus: „Als Senator Barry Goldwater sich anschickte, eine Runde Golf im exklusiven Chevy Chase Club zu spielen, teilte man ihm mit, dass der Zugang relgementiert sei. ‚Ich bin nur Halbjude’, soll er gesagt haben. ‚Kann ich dann nicht wenigstens neun Löcher spielen?’“ (26)

Und dann kamen die Tests. Um 1960 betratute James Bryant Conant Präsident von Harvard und ließ von Henry Chauncey ein Testverfahren für die Aufnahmeprüfung entwickeln, das sicherstellen sollte, das die Fähigsten, nicht die Geburtseliten an die Unis kommen (Geist gegen Blut). Nicholas Lemann, der darüber in seinem Buch The Big Test bereichtet, zufolge „lebt man in Amerika heute in einer von Conant und Chauncey geschaffenen Gesellschaft, die von einer leistungsbezogenen Elite beherrscht wird.“ (p 30) dazu Digby Blatzell 1964 in The Protestant Establishment : „Was wir heute miterleben ist die schleichende Ablösung einer von den Werten der Eltern geprägte Klassenhierarchie durch eine akademische Hierarchie, die vom Wertesystem der Zulassungsorgane an den Hochschulen beeinflusst ist.“ (p 33)

Das liebe Geld

„Die Zinsen für intellektuelles Kapital sind gestiegen, die für physisches hingegen nicht. Selbst Geistes- wissenschaftler können inzwischen eines Tages aufwachen und sich in einem lukrativen Spitzenjob weiderfinden.“ (p 40)

„Die neue Ökonomie funktioniert wo, dass Querköpfe wie Oliver Stone Multimillionäre werden und schlappe Aussteiger wie Bill Gates die Welt beherrschen. (...) Dabei waren die meisten von ihnen gar nicht so sehr auf Geld aus. Es fiel ihnen irgendwie zu. Aber langsam und gegen ihren Willen bahnte das Geld sich einen Weg in ihr Dneken und veänderte es.“ (p 43)

Die Angst vor dem Überfluss

„In den vergangenen dreißig Jahren konnte die Bildungselite einen Triumph nach dem anderen feiern. Erst servierte sie die WASP-Kultur ab, dann etablierte sie sich in einer Wirtschaft, die die Fähigkeit jedes Einzelnen fürstlich entlohnt, und heute sitzen diese an der Spitze derselben Institutionen, gegen die sie frühe protestiert haben.“ (p 46)

Die großen Versöhner

„Die neuen Eiten werden von solchen Widerspüchen nicht in Verzweiflung gestürzt. Sie sind die Genies der Lebensläufe. (...) Die hervorstechendste Leitung der Bildungseliten der Neunzigerjahre bestand darin, einen Lebensstil zu entwickeln, der es ihnen ermöglichte, einerseits wohlhabend und erfolgreich zu sein, anderseits aber auch rebellisch und unorhodox zu bleiben.“ (p 48f)

Das neue Establishment

„Wenn man sich einen typischen Vertreter des neuen Establishments ansieht – Henry Louis Gates , Charlie Rose , Steven Jobs , Doris Kearns Goodwin , David Geffen , Tina Brown , Maureen Dowd , Jerry Seinfeld , Stephen Jay Gould , Lou Reed , Tim Russert , Steve Case , Ken Burns , Al Gore , Bill Bradley , John McCain oder George W. Bush -, kann man ein gemeinsames Ethos erkennen, in dem sich die Rebellion der Sechziger mit dem Yuppietum der Achtziger verbunden hat. Das Bobo-Ethos ist auch bei den alten Institutionen spürbar, die vom neuen Establishment geführt werden.“  (p 52 f)

„Wer heute nicht das Wertesystem der Bobos teilt, wird es schwer haben, einen Job in einer Institution des Establishments zu ergattern.“ (p 54)

Und hier die Negativliste (Snobs und Materialisten): „Darum fällt auf nachfolgende Menschen und Institutionen nicht der Glanz der Bobo-Elite: Donald Trump , Pat Robertson , Louis Farrakhan , Bob Guccione (Herausgeber von Penthouse), Wayne Newton (The King of Las Vegas, Sänger und Entertainer), Nancy Reagan , Adnan Khashoggi , Jesse Helms (Senator aus North Carolina, rechts-konservativ), Jerry Springer , Mike Tyson , Rush Limbaugh , Philip Morris , Stadtsanierer, Hallmark -Grußkarten, die National Rifle Association .“ (p 55)

Die neue Hackordnung

„Berufe mit dem höchsten Prestige sind solche, in denen künstlerischer Ausdruck und dicke Knete miteinander verbunden sind. Ein Romanautor, der eine Million im Jahr verdient, genießt weitaus höheres Ansehen als ein Banker, der 50 Millionen kassiert. Ein Softwareentwickler mit Unternehmensbeteiligung gilt mehr als ein Bauunternehmer mit Beteiligungen in zweistelliger Millionenhöhe. Ein Zeitungskolumnist, der 150 000 im Jahr verdient, wird schneller zurückgerufen als ein Anwalt, der das Sechsfache einstreicht. Der Besitzer eines beliebten New Yorker Restaurants wird mehr Einladungen zu Cocktail-Partys erhalten als der Besitzer einer Supermarktkette. – Wir leben in einem Zeitalter des relativen Einkommens.“ (p 57)


Der Autor: Softwareentwickler mit Unternehmensbeteiligung

„Um den Status eines Menschen zu ermitteln, nimmt man sein Nettoeinkommen und multipliziert es mit seinem materialismuskritischen Überzeugungen.“ (p 58)

Klassenzugehörigkeit wahren

„Die Bobos sind die ängstlichste Elite aller Zeiten. Und das nicht etwa weil uns draußen auf der Straßen eine aufgebrachte Meute auflauern würde, die uns guillotiniert. Nein, die Bildungselite ist ängstlich, weil die Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, alle zwischen zwei Zielen hin- und hergerissen sind: dem Streben nach Erfolg und der Angst vor dem Verrat.“ (p 60)

Vom Luxus der einfachen Dinge: Konsum

Eine Beschreibung der neuen Bobo-Läden in Wayne, Pennsylvania, zum  Beispiel: „Im Westen der Ortschaft liegt das Zany Brainy , eins von diesen Spielwarengeschäften, die sich für eine Bildungseinrichtung halten und mit dem Verkauf lebensnaher Nachbildungen bedrohter Tierarten ihr Geschäft machen.“ (p 67)

Die neue Elite in den Betten der alten

„Mit einem Mal tummeln sich auf den Straßen von Wayne die typischen Liebhaber der Bildungsmedien: Ärzte unterwegs zur Weingutbesichtigung, Bücher schreibende Rechtsanwälte, Professoren mit einem Faible fürs Gärtnern, belesene Immobilienmakler, Psychologinnen mit baumelnden Ohrringen und alle anderen Varianten von Bürgern des Informationszeitalters."
(p 71)

Die Wurzeln der Bobo-Kultur

Von der Bourgeoisie über den Bohemien zum Bobo: „So ein Salon (um 1720) war ein Raum, der mit den praktischen Verrichtungen im Haus nichts zu tun hatte.“ (p 73) Exponent: Benjamin Franklin

Die Revolte der Boheme

„Was genau fanden die französischen Literaten eigentlich so abstoßend am Mittelstand? In einem Wort: den Materialismus.“ (p 77f)

„Nachdem Flaubert die Arbeit an seinem Roman Salammbô abgeschlossen hatte, prophezeite er: >Er wird 1) die Bourgeoisie vor den Kopf stoßen ...; 2) sensible Menschen nerven und schockieren; 3) die Archäologen verärgern; 4) Frauen unverständlich bleiben; 5) mir den Ruf eines Päderasten und Kannibalen eintragen.. Hoffentlich.< So entstand der Schlachtruf, der zum Inbegriff der Fehde zwischen Boheme und Bourgeois wurde: epater les bourgeois!“ (p 79)

„In den 150 Jahren, die darauf folgten, konnten  Intellektuelle und Hippies nicht viel mehr tun als diese Urrebellion immer wieder neu inszenieren.“ (p 81)

„Die Bourgeoisie beherrschte die Welt der Geschäfte und des Marktes, die Boheme regiert im Reich der Kunst.“ (ebd.)

Kulturkampf

„Der Kulturkampf zwischen Bourgeoisie und Boheme tobte das gesamte Industriezeitalter hindurch.“ (p 85)

„Mehr als ein Jahrhundert nachdem Flaubert und seine Pariser Kumpane  die Parole ‚Epater les bourgeois!’ ausgegeben hatten, war die Boheme von einer  Clique zur Massenbewegung geworden.“ Den Hippies ... (p 91)

Die Gegenoffensive der Bougeoisie

„Aber dann kamen die Siebziger und Achtziger und plötzlich bäumte sich das bourgeoise Ethos wieder auf. Ein Jahrhundert lang war die Argumentation einseitig gewesen: Die Bohemiens richteten ihre verbalen Attacken gegen die Bourgeoisie, und die tat nichts anderes, als sich an die Devise zu halten, wonach die beste Vergeltung darin besteht, es sich gut gehen zu lassen.“ (p 91) Neokonservativismus.

„Neokonservativen wie Gertrude Himmelfarb zufolge ist die Scheidungsrate in den USA und in England zwischen 1860 und 1970, also während des gesamten Zeitalters der Industrialisierung, gleich geblieben. Aber it dem Jahr 1970, als der Lebensstil der Boheme zur Norm wurde und die bürgerliche Kultur an Boden verlor, schossen die Scheidungsrate und die Zahl unehelicher Kinder in die Höhe. Nicht anders verhielt es sich mit Kriminalität, Drogenkonsum und anderen pathologischen Sozialphänomenen“ (p 94)

Der Traum von der Versöhnung – der Verhaltenskodex der „finanziellen Korrektheit“

„Heute haben wir diese dritte Kultur. Und langsam aber sicher etablieren sich neue Regeln und Kontrollmechanismen. Der neue Verhaltenskodex betrifft vor allem das Konsumverhalten der Bildungsschicht. Er ermuntert zu bestimmten Ausgaben, die als tugendhaft gelten und entwertet andere, die als vulgär oder elitär erachtet werden.“ (p 95)

{to be continued}}