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W.H. Calvin: Der Schritt aus der Kälte

    I talk a lot about ape-to-human evolution and all those abrupt climate changes along the way. But mostly I try to extend Darwin's intellectual revolution to brain mechanisms. What sort of darwinian brain wiring allows us, in just a split second, to shape up a better thought?

Menschliche Intelligenz ist eine Folge des schlechten Wetters, vor allem in den Eiszeiten in Zentraleuropa und Nordamerika. Wenn Calvin recht hat - und er hat gute Argumente - dann sind wir Hamburger alle deutlich schlauer als der Rest der Republik.  Wie auch immer: der Selektionsdruck, der in den spärlich begrasten Regionen zwischen den Gletschern entsteht, bevorzugt Individuen, die eine ganz bestimmte Fähigkeit haben und kultivieren, ja, trainieren: akkurates Werfen.

Wer bislang glaubte, die Intelligenz würde uns von den Tieren unterscheiden, die Fähigkeit zu lachen, zu weinen, die Hände zu benutzen, Werkzeuge herzustellen oder uns gegenseitig umzubringen, sieht sich getäuscht: es ist das Werfen. Vor allem, weil eine Menge anderer Fähigkeiten erst in der Folge entstehen können. Stanley Kubricks und Arthur C. Clarks Odyssee 2001 lenkt auf die falsche Fährte: nicht der Werkzeuggebrauch macht den aufrechte Gang nötig, damit die Hände - mit gegengestelltem Daumen - freigestellt sind und führt dann schließlich zur Intelligenz:

    Dank harter, von Paläoanthropologen, Archäologen und Geologen in brütender Hitze geleisteter Arbeit wissen wir heute aber, daß der aufrechte Gang einem nennenswerten Werkzeuggebrauch vielmehr um mehrere Millionen Jahre vorausging. (Calvin, p.74)

Faustkeil: nach Calvin eher ein Wurfgeschoss als ein Werkzeug, daher zum Beispiel häufig Tausende in Seen oder Teichen - sie verfehlten (oder trafen) Wasservögel.

Zur Sprache

Taub geborene Kinder, die keine Gebärdensprache gelernt haben, also ohne Sprache aufwuchsen, geben einen guten Hinweis darauf, was Intelligenz ohne Sprache ist. Oliver Sacks beschreibt solch einen Fall, den elfjährigen tauben Joseph:

    Joseph sah, unterschied, kategorisierte, benutzte; er hatte keine Schwierigkeiten mit perzeptueller Kategorisiserung und Generalisierung, konnte aber, wie es schien, nicht sehr weit darüber hinausgehen und reflektieren, spielen, planen oder abstrakte Gedanken behalten. Er machte den Eindruck, als nehme er alles wörtlich, als sei er nicht in der Lage, mit Bildern, mit Hypothesen, mit Möglichkeiten zu spielen oder das Reich der Phantasie oder der Metaphern zu betreten. Und doch hatte man immer das Gefühl, daß er, trotz dieser offensichtlichen Einschränkungen der intellektuellen Leistung, eine normal entwickelte Intelligenz besaß. (zit. nach Calvin, p.45)

Calvin kommentiert das so: Erst die Sprache eröffnet höhere Abstraktionsebenen, ermöglicht uns mentale Modelle für das Funktionieren der Welt, erlaubt uns, Fragen zu stellen, Antworten zu finden. Wie schafft es das Gehirn, sich so zu organisieren? Wie weben wir dieses lineare Band, das wir Text oder Rede nennen? (ebd.)

Oliver Sacks

Zwei Dinge sind mir hier wichtig. der Begriff Metapher und das lineare Band: So wie Sacks Joseph beschreibt, fehlt diesem die Fähigkeit zur Substitution, einen Mangel, den Roman Jakobson als eine Form der Aphasie diagnostiziert hat, die auf der paradigmatischen Ebene stattfindet. Oder - wie Julian Jaynes sagen würde: es fehlt die Fähigkeit, sich selbst als Objekt setzen zu können, die Analogisierung des eigenen Ich, mithin einer der drei zentralen Faktoren für Bewußtsein (die beiden andern sind bei Jaynes Aufmerksamkeit und Verräumlichung von Zeit, die brauchbarste Bewußtseinsdefinition, die ich kenne).

Was hier am Werk ist nennt Calvin Darwin-Maschinen, die sich einer irgendwie unterschiedlichen Sequenz von Informationen bedienen (p. 48) Die Sequenzen finden auf verschiedenen Ebenen statt, auf der biologischen, wenn es sich beispielsweise um Aminosäuren handelt oder ... im Fall der mentalen Planung der nächsten Schritte erzeugen wir neue Sequenzen aus sensorischen Schemata (zum Besipiel Substantiven) und Bewegungs- Subprogrammen (zum Beispiel Verben. (ebd.) Im Gegensatz zum Primaten kann der Mensch aus Einzelteilen neue Sequenzen mental synthetisieren, bevor er sie ausprobiert (Tiere müssen immer erst probieren). Ein erinnertes Umfeld ist immer weniger detailliert als ein reales; dafür braucht dieses Offline-Simulieren und -Testen aber auch nur Millisekunden bis Sekunden und nicht, wie die biologische Spezifizierung, Jahrhunderte bis Jahrtausende. (p. 50) Die linke Gehirnhälfte ist die Instanz, die Dinge seriell auf die Reihe bringt.

Roman Jakobson

    Im Rahmen der anstehenden Aufgabe lassen sich mit Leichtigkeit hundert Unterschiede zwischen Menschen und Menschenaffen ausmachen, nicht allein die Sprache, sondern auch die vorausplanende Intelligenz, die Wurfgenauigkeit, der verheimlichte Ovulationszeitpunkt, die relative Gehirngröße, die Anatomie der Hände, die Körperbehaarung. Ganz zu schweigen von unserer Pseudo-Monogamie und unserer Vorliebe für alle möglichen Arten von seriell-sequentiellen Spielen. (p. 57f)

Definition von REFLEX:

    Mit Schema bezeichnet man im allgemeinen eine Art Schablone im Gehirn, mit der ein sensorisches Muster in Raum und Zeit identifiziert wird; Bewegungsprogramme wie etwa das für die Atmung können oft in weitere Subprogramme zerlegt werden, einatmen und ausatmen beispielsweise. Wenn ein Schema und ein Bewegungsprogramm fest miteinander verknüpft sind, bezeichnen wir diese Kombination meist als Reflex: wenn beispielsweise die Silhouette eines am Himmel fliegenden falken einen Jungvogel dazu bring, flach an den Boden geschmiegt Deckung zu suchen. (p.62)

Die spannende Frage ist, wie kommen wir von der Sprache und Intelligenz des Affen zu der des Menschen. Da wird verschiedenes geglaubt, ... und mindestens ein Neurophysiologe glaubt, entscheidend sei größtenteils jene Koordination zwischen Gehirn und Muskulatur gewesen, die man für die Jagd mit Wurfgeschossen braucht (ich interessiere mich zwar nicht sonderlich für Sport, doch schnelle Bewegungen aller Art faszinieren uns Neurophysiologen) .

Schönes Zitat (Autor ist der Ökonom Kenneth Boulding):

    Ich habe kürzlich ein paar Volksweisheiten überarbeitet; eines der korrigierten Sprichworte lautet: “Nichts geht so fehl wie der Erfolg”, weil man nichts daraus lernen kann. Das einzige, aus dem wir je etwas lernen, ist das Versagen. Der Erfolg bestätigt uns nur in unserem Aberglauben. Aus irgendeinem seltsamen Grund, den ich überhaupt nicht verstehe, hat sich in Westeuropa eine kleine Subkultur herausgebildet, die das Versagen legitimiert. Die Wissenschaft ist die einzige Subkultur, in der das Versagen legitim ist.