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Das Konzil von Nicea

Zwar gibt es Versuche, die geheime Verschwörung bereits im alten Ägypten beginnen zu lassen, doch dabei verschwindet vieles im eher Mythischen: Imhotep spielt eine Rolle, Horus und Isis, die Pyramiden und so fort. In diesen Herleitungsversuchen verschwinden die Grenzen zwischen Mythendeutung und Esoterik, übrig bleibt ein verwirrend klebriger Brei, der leider nicht einmal unterhaltsam ist.

Interessant wird es da, wo historische Persönlichkeiten an konkreten Orten nachweisbar an Ereignissen beteiligt waren, die je nach Gemütslage oder Interessenstandpunkt äußerst unterschiedlich bewertet werden. Ein Schlüsselereignis dieser Klasse ist das Konzil von Nicea im Jahre 325 nach Christus. Die Gemengelage ist mehr als eigenartig. Da ist auf der einen Seite Kaiser Konstantin, der aus einer Tetrarchie - eine der interessantesten Regierungsformen, die die Römer je zustande gebracht haben: vier Kaiser , zwei Ober- und zwei Unterkaiser, regieren gleichzeitig - als alleiniger Herrscher übrigbleibt, glaubt, sein Schlachtenglück und damit die Vertreibung seines letzten Widersachers Licinius dem neuen Christengott zu verdanken. Das Christentum zur Staatsreligion zu machen, ist ihm danach eine interessante Option, wobei er nicht bedenkt, das er damit die Religion befördert, die als Einzige im alten Rom keine andere neben sich duldet!

Das Christentum ist jung - Jesus ist vor knapp zweihundert Jahren gestorben, Greise leben, deren Urgroßvater ihm noch begenet sein könnten, vielleicht auch einem der Apostel. Und es ist unfertig - wir sehen dies heute bei neu entstehenden Parteien: die Grundlagen sind halbwegs klar, aber im Detail gibt es eine Menge Fragen, die korrekt gelöst werden müssen, damit ein echtes System entsteht, mit dem man den Parteigängern jede Frage im Rahmen der eigenen Ideologie beantworten kann (das wird noch bis ins 14. Jahrhundert dauern!). Die spannendste Frage zu Zeiten Konstantins war die nach der Trinität, also nach dem Verhältnis Gott - Jesus.

Als Konstantin von befreundeten Erzbischöfen gebeten wurde, dieses Thema endgültig klären zu lassen, mag er selbst an der Relevanz gezweifelt haben, aber die Tatsache, dass die Anhänger des von ihm geförderten Christentums bereit waren, sich für ihre Auffassung der Dreieinigkeit umzubringen, gab ihm zu denken: Auf dem Wege zur Staatsreligion muss mehr Zug in die Angelegenheit, Macht braucht Dogma, immerhin soll ein Weltreich überzeugt werden.

Also muss ein Konzil her. Nicea in Kleinasien ist ein geeigneter Ort, alle Bischöfe werden eingeladen und sollen sich mit der häretischen Auslegung der Trinität durch den Abweichler Arias beschäftigen.

Der Kirchenhistoriker Socrates überliefert einen Ausspruch des bedeutenen heidnischen Philosophen Themistos (318 - 388), es habe in der Mitte des 4. Jahrhunderts mehr als 300 verschiedene Kulte gegeben, weil, so dessen Begründung,
“Gott auf unterschiedliche Weise verehrt werden möchte”     (Kirchengeschichte 4, 32). Alle diese Götter stellten gleichsam ein Angebot an die Menschen dar, die auf dem Markt der Götter auswählten; je nach Zeit, Geld und Interesse konnte man sich etwa in einer oder mehreren Mysteriengemeinschaften engagieren. Es war eine der Grundüberzeugungen, dass es nicht nur einen Weg zur Wahrheit gebe, wie es Symmachus (um 345-405) gegen Ende des 4. Jahrhunderts in einem ‘Vortrag’ als Replik auf christliche Ansprüche formulierte
(Relation 3, 10).

Manfred Clauss, Konstantin der Grosse und seine Zeit,
München 1996, S. 16


Anmerkungen

[zurück] Die beiden Oberkaiser trugen Augustus als Titel, die beiden Unterkaiser Caesar. Letztere waren die designierten Nachfolger. Anfang des 4. Jahrhunderts wird die Situation jedoch etwas unübersichltich:

    Es ging um die Machtanprüche der insgesamt sieben Herrscher, die es im Jahre 310 gab: Maximus Daia in Syrien, Galerius in Thrakien, Licinius in Pannonien und Raetien, Konstantin und Maximianus in Gallien, Maxentius in Italien und Alexander in Africa. (Clauss, S. 24)