Home
Die Frühen
Haefs

Gisbert Haefs beschreibt in seinem Roman „Roma. Der erste Tod des Marc Aurel“ den Prozess, bei dem die Christen um den zur Verhaftung gesuchten Anführer Iustinius angeklagt werden. Den Klagegrund würde man heute – man höre und statune – religiöse Intoleranz nennen: Männer aus Pannonien hatte auf einem römischen Marktplatz sehr laut ihrem Gott gehuldigt und waren dafür von den Anwohnern um leisere Huldigung gebeten worden. Die Christengruppe mischt sich ein und verdammte nicht nur die Religion der Pannonier, sondern auch jede ande, die nicht christlich ist, unter anderem auch die römische. Die einige Male erwähnte Korinna ist Zeugin des Verfahrens und die Heldin des Romans. In einem Postscriptum weist Haefs auf die Authentizität hin: „Das Verfahren des Rusticus gegen Ustinius ist bis auf zwei Zusätze – Argumente des Rusticus – und einige Verknappungen zur Vermeidung von Wiederholungen wörtlich den Acta Iustini entnommen.“ (Haefs, S. 490)

Der Stadtpräfekt klatschte mehrmals erstaunlich laut und betrachtete danach die eigenen Hände, als sei er verblüfft über die Lautstärke.
„Nachdem nun alle wieder aufmerksam sind“, sagte er, „wollen wir zum Ende kommen. Es haben sich also einige Männer aus dem fernen Pannonien damit ergötzt, die Ordnung durch Lärm zu stören. Es handelt sich um ein minderes Vergehen, weiter gemildert dadurch, dass ihre Absicht nicht Lärm war, sondern Frömmigkeit. So weit, nehme ich an, stimmen sie mir zu,  nicht wahr?“
Er blickte zu mehreren bärtigen Männern, die mitten im Saal auf dem Boden saßen und Korinna bisher nicht afgefallen waren, weil sie abgesehen von den Bärten keineswegs wie wilde Barbaren von der Nordostgrenze des Imperiums aussahen. Sie trugen gewöhnliche Kleidung und wirkten wie gewöhnliche Bürger. Einer der Männer stand auf, verneigte sich und sagte laut:
„Edler Iunius Rusticus, wir stimmen dir zu.“
Sein Latein war sauber, bis auf einen kaum störenden kehligen Tonfall.
Der Stadtpräfekt lächelte breit. „Sehr gut, mein Freund. Die Störung der Ordnung bedarf einer gewissen Strafe, um andere, die sonst ebenfalls stören könnten, abzuschrecken; ich hoffe, auch dies seht ihr ein.“
[...]
„Nun zu den eigentlichen Übeltätern“, sagte der Präfekt, „Aller Schaden am Besitz und Körpern und überhaupt der wirkliche Aufruhr sind Schuld der Christen.“ Er blickte zu den strähnigen, ungepflegten Männern und einer Frau, die sich nun, von den Schaftenden einiger Wächter gezwungen, langsam erhoben.
„Was eine halbwegs freundliche Zankerei um Lärm gewesen wäre, wurde durch eure Unduldsamkeit zum Aufruhr. Ihr wart nicht zufrieden damit, wie alle anderen den jeweils eigenen Göttern zu huldigen und allzu laute Frömmigkeit anderer lediglich zu tadeln – o nein, ihr habt es für angebracht gehalten, alle anderen Frommen zu schmähen, ihre Götter zu lästern, Roms Götter zu leugnen und Altäre zu stürzen.“
Rusticus machte eine kleine Pause, in der er die sieben Übeltäter finster anstarrte. Dann räusperte er sich.
„Es ist dies nichts Neues. Einen von euch, den Mann namens Iustinius, suchen wir schon länger wegen desselben Verbrechens. Ich weiß nicht, ob ich es einen glücklichen Zufall nennen soll, dass er heute dabei war. Ich würde ihm aber sogar zutrauen, dass er sich gewissermaßen absichtlich in unserer Hände begeben hat, um seinem absonderlichen Glauben mehr Aufsehen zu verschaffen. Nun, wie dem auch sei – tritt vor, Iustinus.“
Einer der Männer – Korinna hielt ihn für den ältesten und ungewaschensten der Gruppe – trat vor und sah Rusticus mit erhobenem Kopf an. Die übrigen blieben dicht hinter ihm, als ob sie durch Geschlossenheit Stärke erringen könnten.
„Du bist Iustinius?“
„Der bin ich.“
„Zuerst einmal sollst du den Göttern gehorchen und den Kaisern Folge leisten.“
Iustinius verdrehte den Kopf und musterte die Büsten und Staturen, den Altar und das Opfebecken. Dann wandte er sich wieder an den Präfekten.
„Es ist weder tadelnswert noch verwerflich“, sagte er, „den Geboten zu gehorchen, die von unserem Heiland Jeusu Christus gegeben worden sind.“
Rusticus seufzte. „Danach habe ich nicht gefragt. Ich fordere dich auf, deine Achtung vor Roms Gesetzen, Roms Göttern und Roms Kaisern zu bezeugen, indem du eine Handvoll Weihrauch über das Opferbecken streust.“
Iustinius rührte sich nicht.
„Mit welchen philosophischen Lehren befasst du dich?“
Iustinius sagte: „Ich habe mich bemüht, alle philosophischen Lehren kennenzulernen, habe mich dann aber den wahren Lehren der Christen angeschlossen, auch wenn sie denen, die falsche Lehrmeinungen vertreten, nicht gefallen.“
„Von Britannien bis zum Euphrates gilt ein Gesetz. Das Gesetz Roms. Es wird symbolisch dargestellt durch die Bilder der Götter und Kaiser. Unter diesem Gesetz sind alle gleich, genießen den Schutz unserer Waffen, können reisen und jene Vorzüge genießen, die mit guten Straßen, ausreichender Wasserversorgung und jederzeit verfügbarer Nahrung verbunden sind. Dieses Gesetz, diese Vorzüge und auch die Freiheit, jedem beliebigen Gott zu dienen, solange dieser Dienst nicht die Götter der anderen schändet und die Ordnung des Lebens stört ... all das gilt dir als ‚falsche Lehrmeinung’?“
Iustinius hob nur die Schultern.
„Die Lehre der Christen aber gefallen dir, Erbärmlicher?“
Iustinius sagte: „Ja, denn ich folge ihnen aufgrund eines wahren Glaubenssatzes.“
„Was wahr und was unwahr ist, entscheidest also du? Nun denn - was ist das für ein Glaubenssatz?“
„Er lautet: ‚Wir verehren den Gott der Christen. Wir glauben, dass er der einzige Gott ist, Schöpfer der sichtbaren und der unsichtbaren Welt von Anfang an. Wir verehren Jesus Christus, Kind Gottes, als unseren Herrn, der – so wurde es von den Propheten verkündet – zum Menschengeschlecht herabkommen wird als Bote des Heils und Lehrer schöner Wahrheiten.’“ Iustinius holte tief Luft und sprach lauter. „Ich bin zwar nur ein Mensch, und was ich sagen kann, ist unbedeutend, verglichen mit seiner unermeßlichen Gottheit, aber ich bekenn mich zu einer prophetischen Macht, weil schon lange vorher über ihn verkündet worden ist, dass er, wie ich gerade sagte der Sohn Gottes ist. Denn du sollst wissen, dass in frühren Zeiten die Propheten seine Ankunft bei den Menschen vorhergesagt haben.“
„Ach, haben sie das? Haben sie nicht eher einen jüdischen König angekündigt?“
Iustinius rümpfte die Nase; mit einem Blick, in dem Abscheu und Ekel lagen, streifte er eine andere Gruppe Sitzender. Vermutlich waren es Juden, aber Korinna konnte sie nicht sehen.
„So könnte man es auslegen, aber das wäre ein Missverständnis.“
Der Präfekt schüttelte den Kopf. „Du verwirrst mich. Soviel ich weiß, verehrt ihr einige der jüdischen Propheten und habt gewisse Dinge ... sagen wir, fast alles von den Juden übernommen. Da gibt es doch in den jüdischen Schriften zum Beispiel zehn Gesetzte, oder waren es elf?“
„Zehn.“
„Danke. Lautet nicht eines davon etwa: ‚Ich bin der Herr, dein Gott; du sollt keine anderen Götter neben mir anbeten.’ Oder so ähnlich“
Iustinius nickte; mit kaum verholenem Triumph in der Stimme sagte er: „Da du es selbst sagst ...“
„Da ist aber nicht die Rede von einem Sohn.“
„Er ist später dazu gekommen.“
Rusticus lachte. „Und das hat dein allwissender Gott damals noch nicht gewußt? Sonst hätte er ihn doch in diesem Gebot vorsichtshalber schon erwähnt.“
Iustinius schwieg.
„Ferner möchte ich dich darauf aufmerksam machen“, sagte Rusticus mit harter Stimme, „Dass es in diesem Gebot nicht heißt, daß es keine anderen Götter gibt – nur, dass sie keine außer ihm angeben sollen. Stimmt das?“
Iustinius knurrte etwas; als einer der Wächter ihn mit dem Schaft anstieß sagte er kaum vernehmbar: „Ja.“
„Es ist also ein eifersüchtiger Gott, der sagt, es gibt durchaus andere Götter, aber ihr sollte nur mich anbeten. Und diesem winselnden neidischen Göttlein gehorcht ihr? Sind denn nicht Roms Götter erhabener, die da sagen: Ihr dürft verehren, wen imer ihr verehren wollt?“
Diesmal schwieg Iustinius trotz mehrerer Schaftstöße.
„Dann sag mir doch etwas anderes. Hat nicht euer absonderlicher Gottessohn gesagt, ihr sollte dem Kaiser geben, was des Kaisers,und Gott, was Gottes ist?“
„Das hat er gesagt.“
„Warum gehorcht ihr ihm denn nicht, indem ihr dem Kaiser opfert und gehorcht und ansonsten eurem Gott dient, wie es euch und ihm gefällt?“
„Als er dies sagte, wußte er nicht, dass euer Kaiser zu einem falschen Gott gemacht worden ist.“
„Ich dachte, er sei allwissend.“ Rusticus wartete scheinbar gelassen, bis sich das Gemurmel wieder gelegt hatte. Dann sagte er: „Ihr befolgt also dieses Gebot, jenes aber nicht. Ihr sucht euch aus, was ihr glauben wollt, nennt es aber die einzige Wahrheit einer unermesslichen Gottheit. So einzig, dass ihr auswählt – so unermesslich, dass kleinlicher Neid Bedeutung hat? Und so jüdisch, dass ihr die Juden verflucht, damit man nicht merkt, dass ihr nichts seid als eine abtrünnige jüdische Sekte?“
Iustinius holte Luft, stöhnte aber nur und schwieg.
„Nun gut; eine andere Frage“, sagte Rusticus, „Wo versammelt ihr euch?“
„Da, wo es jedem gerade angenehm oder möglich ist. Du meinst wohl, dass wir uns alle am gleichen Ort versammeln; aber das stimmt nicht, denn unser Gott wird nicht durch einen Ort eingeschränkt, sondern er ist unsichtbar und erfüllt den Himmel und die Erde und wird überall von den  Gläubigen verehrt und gepriesen.“
„Nun sag schon, wo kommt ihr zusammen? An welchem Ort versammelst du deine Schüler?“
„In der ganzen Zeit meines jetzigen zweiten Aufenthaltes in Rom wohne ich im oberen Stockwerk der Thermen von Martinus, Sohn des Timiotinus. Ich kenne keinen anderen Versammlungsort. Und wenn jemand in meine Wohnung kommen wollte, würde ich ihm dort die Lehren der Wahrheit mitteilen.“
„Dann bist du also ein Christ?“
„Ja, ich bin ein Christ.“
Rusticus wandte sich an den Mann hinter Iustinius.
„Tritt vor und sag deinen Namen.“
„Ich bin Chariton und ein Christ, weil Gott es wünscht.“

[
jetzt kommen alle andern mit Sprüchlein dran, bis dann.. ]

Der letzte Mann hieß Liberianus. Rusticus rieb sich die Schläfen, als habe er Kopfschmerzen,und wandte sich an ihn.
„Und was hast du zu sagen? Bist du ein Christ? Bist auch du nicht gottesfürchtig?“
Liberianus sagtze: „Auch ich bin ein Christ. Denn ich verehre den einzig wahren Gott und bete ihn an.“
Rusticus winkte den Wächtern; sie drängten die fünf Männer und die Frau zurück, bis Iustinius wieder allein vor dem Präfekten stand.
„Hör zu“, sagte Rusticus; nun klang er müde, fast bekümmert. „Du giltst ja als ein Weiser, der glaubt, die wahre Lehre zu kennen. Wenn du ausgepeitscht und enthauptet wirst, glaubst du, dass du dann in den Himmel aufsteigst?“
„Ich hoffe, dass ich bei Gott wohnen werden, wenn ich dies auf mich nehme. Ich weiss aber, dass für alle, die ein solches Leben führen, das göttliche Gnadengeschenk aufbewahrt bleibt bis zum Brand der ganzen Welt.“
„Du bildest dir also ein, dass du zu den Himmeln aufsteigen wirst, um wertvolle Belohnung zu erhalten?“
„Ich bilder mir das nicht ein, sondern ich weiß es genau und bin davon ganz erfüllt.“
Rusticus sagte: „Dann wollen wir zur Sache kommen: die Angelegenheit ist notwendig und dringend. Tretet vor und opfert einmütig den Göttern!“
Iustinius schüttelte den Kopf. Er klang beinahe stolz, als er sagte: „Kein vernünftiger Mensch fällt ab von der Frömmigkeit zur Gottlosigkeit.“
„Wenn ihr nicht gehorcht, werdet ihr ohne Erbarmen bestraft.“
Iustinius richtet sich hoch auf; seine Stimme hallte duch den Saal. „Es ist ja gerade unser Wunsch, dass man uns bestraft und wir dann durch Christus unseren Herrn gerettet werden, denn dies wird unsere Rettung und unsere Zuversicht sein vor dem Richterstuhl unseres Herrn und Heilands, der über die ganze Welt ein furchtbares Gericht halten wird.“
Charito riss sich aus dem Griff ihres Wächters los und schrie: „Tu, was du willst; wir sind Christen und opfern den Götzenbildern nicht.“
Rusticus schloss die Augen; mit müder, fast mürber Stimme sagte er: „Und wenn ihr die Bildwerke als Symbole nähmt, Sinnbilder für Roms Gesetze?“
Alle schwiegen.
Rusticus öffnete die Augen wieder. „Dann sei es. Diejenigen, die den Göttern nicht opfern und sich dem Edikt des Kaisers nicht fügen wollen, sollen ausgepeitscht und abgeführt werden; sie werden mit der Enthauptung bestraft, wie die Gesetze es vorschreiben.“

Vernehmugsprotokolle aus den Märtyrergeschichten zu diesem Prozess finden sich unter anderem hier . Eine etwas freiere und rücksichtslosere Übersetzung ins Deutsche auch hier.

Der Hl. Justinius
(Schutzpatron der ... na ... der Philosophen

Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: “Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. Darum sage uns, was meinst du: Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?” Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: “Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Zeigt mir die Steuermünze!” Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. Und er sprach zu ihnen: “Wessen Bild und Aufschrift ist das?” Sie sprachen zu ihm: “Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!” Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.

Mt 22.17

Natürlich opfern die Christen nicht und, wie die Geschichte es weiß, werden sie alle enthauptet. Iustinius wird damit zu einem der ersten Märtyrer. Interessanterweise läßt Haefs Apuleius und Lukianos Zeugen dieses Prozesses sein, den Lukianos, der – glaubt man Hermann Detering – mit dem Perigrinus Proteus eine Lebensgeschichte von Iustinius’ Vorläufer Macion verfasste.