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Toscanellis Brief

... über den westlichen Weg

An Fernam Martins, Kanon von Lissabon,

sendet Paulus der Arzt (i.e. Toscanelli) Grüße.

Ich war erfreut, von Eurer Vertrautheit und Freundschaft mit Eurem großen und mächtigen König zu hören. Oft zuvor habe ich gesprochen von einem Seeweg von hier nach Indien, dem Land der Gewürze; eine Strecke, die kürzer als die über Guinea ist. Ihr sagt mir, daß Seine Hoheit wünscht, daß ich dieses detaillierter erkläre, so daß es leichter sein wird, diese Strecke zu verstehen und Kurs aufzunehmen. Obwohl ich dieses auf einer Kugel zeigen könnte, welche die Erde darstellt, habe ich beschlossen, es einfacher und deutlicher zu zeigen, indem ich den Weg auf einer nautischen Zeichnung darstelle. Ich sende deshalb an Seine Majestät eine Kartenzeichnung von meiner eigenen Hand, auf der ich die westliche Küstenlinie von Irland im Norden bis zum unteren Ende von Guinea sowie die Inseln aufgezeigt habe, die entlang dieses Pfads liegen. Ihnen direkt gegenüber gen Westen habe ich den Anfang von Indien angezeigt, zusammen mit den Inseln und Stellen, an die man auf dem Weg gelangt; auch wie weit Sie sich vom arktischen Pol und dem Äquator fernhalten sollen; und wie viele Wegstunden man zurücklegen muß, bevor man zu diesen Örtlichkeiten kommt, die so überreich an allen Arten von Gewürzen und Edelsteinen sind. Und seid nicht erstaunt, wenn ich sage, daß Gewürze in Ländern des Westens wachsen, obgleich wir zu ihnen Osten zu sagen gewohnt sind; denn derjenige, der nach Westen segelt, findet diese Länder immer im Westen, und derjenige, der ostwärts über Land reist, findet dieselben Länder immer im Osten.

»Zipangu ist eine große Insel des Morgenlands und liegt von den Küsten von Mangi in hoher See fünfzehnhundert Miglien entfernt. Die Einwohner sind weiß, sehr schön, von angenehmem Wesen. Sie beten Götzen an und werden von ihrem eigenen König regiert. Gold haben sie in allergrößtem Überfluß, man findet es wo man will. Der Palast des Herrschers ist ganz mit Goldplatten belegt, wie wir unsere Häuser und Kirchen mit Blei decken. Auch die Säle und Zimmer sind mit Gold getäfelt, die Fenster mit Gold verziert. Es gibt Perlen in Menge, Edelsteine so viel, daß man sich nur danach zu bücken hat, und der Stadt Quinsay, die ihren Namen, Stadt des Himmels, von ihrer Herrlichkeit hat, kommt keine in der Welt gleich. Man findet dort Vergnügungen von einer Art, daß man im Paradies zu sein wähnt. Die Frauenzimmer in allen Straßen sind so verführerisch, daß ich gar nicht davon sprechen will, und sie haben solche Erfahrungen in den Liebkosungen, daß, wer einmal davon genossen hat, sie nie mehr vergessen kann.«

Marco Polo

Die senkrechten Linien auf dieser Karte zeigen den Abstand von Ost nach West, wobei die sie schneidenden waagrechten Linien den Abstand von Nord nach Süd zeigen. Die Zeichnung zeigt auch verschiedene Stellen in Indien an, die erreicht werden können, wenn ein Schiff von einem Sturm oder Gegenwind erfaßt wird oder ihm ein anderes Mißgeschick zustößt.

Damit Ihr soviel wie möglich über diese Orte wißt, so bereitet Euch darauf vor, daß die einzigen Leute, die auf einigen dieser Inseln leben, Kaufleute sind, die dort Handel treiben.

Es wird gesagt, daß dort so viele Schiffe, Seefahrer und Waren umherfahren wie im ganzen Rest der Welt zusammengenommen, besonders im Zaiton (das Zaitum Marco Polos) genannten Haupthafen, wo jedes Jahr hundert große Schiffe mit Pfeffer be- und entladen werden, um die vielen anderen Schiffe mit anderen Gewürzen gar nicht zu erwähnen. Dieses Land hat viele Einwohner, Provinzen, Königreiche und unzählige Städte, die alle von einem als Großer Khan bekannten Fürsten beherrscht werden, welches in unserer Sprache ›König der Könige‹ bedeutet, der hauptsächlich in der Provinz von Cathay residiert.

Seine Ahnen hatten einstmals sehr gewünscht, mit der christlichen Welt Verbindung aufzunehmen, und vor etwa zweihundert Jahren sandten sie Botschafter zum Papst, ihn darum bittend, ihnen viele gelehrte Männer zu schicken, die sie in unserem Glauben hätten unterrichten können; aber diese Botschafter stießen auf Schwierigkeiten auf dem Weg hierher und mußten umkehren, ohne Rom zu erreichen. In den Tagen des Papstes Eugenius kam ein Botschafter zu ihm, der ihn großer Gefühle der Freundschaft für die Christen versicherte, und ich hatte eine lange Unterredung mit dem Botschafter über viele Dinge: über die gewaltige Größe der königlichen Gebäude, über die erstaunliche Länge und Breite ihrer Flüsse und über die große Anzahl von Städten an ihren Küsten – so groß an Zahl, daß entlang eines Flusses zweihundert Städte aufgereiht waren, mit Brücken aus Marmor auf verzierten Säulen. Dieses Land ist reicher als jedes bisher entdeckte, und es kann nicht nur großen Gewinn und vielerlei wertvolle Dinge liefern, sondern es besitzt auch Gold und Silber sowie wertvolle Steine und alle Arten von Gewürzen in großer Zahl – alles Dinge, die gegenwärtig nicht in unsere Länder gelangen. Und es gibt dort auch viele Gelehrte, Philosophen, Astronomen und andere in den Naturwissenschaften kundige Männer, die dieses große Königreich beherrschen und seine Kriege führen.

Rekonsturktion von Martin Behaims Globus aus dem Jahre 1492: er basierte wohl auf Toscanellis Karte. Behaim war als königlicher Navigator in Lissabon und unterstützte Kolumbus aktiv.

Zu Antillia steht auf Behaims Globus:

“Im Jahre 734 A.D., als ganz Hispanien von den Ungläubigen aus Africa erobert wurde, wurde die obige Insel Antilia, genannt die Sieben Städte, von einem Erzbischof aus Oporto in Portugal kolonisiert, zusammen mit sechs Bischöfen und anderen Christen, Männern und Frauen, die aus Spanien flohen auf einem Schiff mit Vieh, Gütern und ihrem Habe. In 1414 segelte ein Schiff aus Hispania dicht vorbei.”

Von der Stadt Lissabon in Richtung Westen zeigt die Kartenzeichnung sechsundzwanzig Abschnitte von je zweihundertfünfzig Meilen an - insgesamt annähernd ein Drittel des Umfangs der Erde, bevor man zu der großen und prächtigen Stadt Kinsai kommt. Diese Stadt hat einen Umfang von etwa einhundert Meilen, besitzt zehn Marmorbrücken, und ihr Name bedeutet >himmlische Stadt< in unserer Sprache. Erstaunliche Dinge werden über seine gewaltigen Gebäude, seine Kunstschätze und seine Einkünfte erzählt. Sie liegt in der Provinz von Manji nahe der Provinz Cathay, wo sich der König bevorzugt aufhält. Und von der Insel Antillia, die Ihr die ›Insel der sieben Städte‹ nennt, bis zu der hochberühmten Insel Cipangu beträgt die Entfernung zehn Abschnitte, das sind 2.500 Meilen. Diese Insel ist an Gold, Perlen und Edelsteinen sehr reich, und seine Tempel und Paläste sind vergoldet. Doch da die Strecke zu dieser Stelle noch unbekannt ist, bleiben alle diese Dinge verborgen und geheim; aber dennoch kann man in großer Sicherheit dorthin gelangen.

Ich könnte von noch vielen anderen Dingen berichten. Da ich Euch davon aber schon in Person erzählt habe und da Sie ein Mann von gutem Urteil sind, will ich mich zu diesem Gegenstand nicht weiter auslassen. Ich habe versucht, Eure Fragen zu beantworten, so gut es mein Mangel an Zeit und meine Arbeit mir erlaubt haben, aber ich bin jederzeit bereit, Seiner Hoheit zu dienen und seine Fragen mit mehr Ausführlichkeit zu beantworten, sollte er es wünschen.

Geschrieben zu Florenz am 25. Juni, 1474.

Cipangu auf Behaims Globus:
viel Gold gab es da!!