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Strukturelle Kopplung
Maturana/Varela

Der Baum der Erkenntnis.
Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens.
von Humberto R. Maturana, Francisco  J. Varela

(Die hier aufgelisteten Zitate waren mir im Zusammenhang mit Niklas Luhmann wichtig: man will ja mal wissen, wo er das alles her hat!)

Organisation und Struktur

Ein Lebewesen ist durch seine autopoietische Organisation charakterisiert. Verschiedene Lebewesen unterscheiden sich durch verschiedene Strukturen, sie sind aber in bezug auf ihre Organisation gleich. (S. 55)

Maturanas paradigmatische Struktur: die Zelle

Lebewesen als Produkt ihrer Organisation

Dass Lebewesen eine Organisation haben, ist natürlich nicht allein ihnen eigen. Es ist allen Gebilden gemeinsam, die wir als Systeme betrachten können. Dennoch ist den Lebewesen eigentümlich, dass das einzige Produkt ihrer Organisation sie selbst sind, das heißt, es gibt keine Trennung zwischen Erzeuger und Erzeugnis." (S. 56)


Auch ein System: das Sonnensystem

Information macht Strukturveränderungen

Da wir auch die autopoietische Einheit als mit einer besonderen Struktur ausgestattet beschreiben, erscheint es uns offenkundig, dass die Interaktionen zwischen Einheit und Milieu, solange sie rekursiv sind, für einander reziproke Perturbationen (= Informationen, StS) bilden. Bei diesen Interaktionen ist es so, dass die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt), was auch umgekehrt für das Milieu gilt. Das Ergebnis wird – solange sich Einheit und Milieu nicht aufgelöst haben – eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen sei, also das, was wir strukturelle Kopplung nennen. (S. 85)

Strukturelle Kopplung ( HIER ALLES GRÖSSER!
Die "strukturelle Kopplung" ist ein zentraler Begriff der Theorie autopoietischer Systeme. Er beschreibt insbesondere die Beziehung zwischen solchen Systemen untereinander. Wesentlich dabei ist, daß eine solche K. die Autonomie der beteiligten Systeme nicht unterläuft und so auch nicht als (zumindest) begrenztes "Offensein füreinander" verstanden werden kann. Eine strukturelle K. ist also keine "Schleuse" oder "Zugang" in bzw. für ein System, sondern umgrenzt lediglich den Rahmen ihrer strukturellen Möglichkeiten.
In diesem Sinne kontrolliert etwa ein Organismus als Ganzes nicht die Prozesse der "in ihm" gekoppelten Zellen und Organe (einschließlich des Gehirns). Vielmehr ist seine Einheit das Resultat der strukturell gekoppelten Aktivität seiner autonomen Bestandteile. So wissen diese Elemente eben prinzipiell nicht, was sie "für die anderen" zu tun haben. Sie machen, was sie gemäß ihrer Struktur machen können, und beschränken (und erweitern!) sich dabei (ohne es zu "wissen") wechselseitig in ihren Möglichkeiten. Nur für einen Beobachter ist diese fortgesetzte Korrelation als operationale Einheit zu erkennen. Und nur ein solcher Beobachter ist dann (gemäß seiner Unterscheidungen) in der Lage, z.B. "konstruktives und hilfreiches Verhalten" von "schädlichem und destruktiven" zu unterscheiden.
Das bedeutet, daß in jeder Interaktion zwei Einheiten/Systeme aufeinander wirken, und zwar unter Beibehaltung ihrer"Struktur", etwa bei einer Zelle, unter Beibehaltung ihrer typischen Art und Weise, wie sie Zellstoffe aufnimmt, verarbeitet und abgibt. Diese Einheit (hier: der Zelle) läßt sich nur "stören" ("perturbieren"). Anderenfalls wird sie zerstört und hört auf zu existieren.
Das heißt, daß ein "Milieu" nur perturbieren kann, nicht in bestimmter Weise das betreffende System determinieren, instruieren oder beeinflussen kann. Umgekehrt kann dieses System sein Milieu (z.B. andere Zellen) auch nur "perturbieren".
Wenn nun das System und sein Milieu sich wechselseitig immer wieder stören und bei dieser Störung auf vorherige Störungen Bezug nehmen (rekurrieren), entsteht eine "strukturelle Kopplung".
Die strukturelle Kopplung muß immer durch einen Beobachter "zum Leben erweckt" (gemacht) werden. Er ist es, der Verbindungen (Korrelationen) herstellt zwischen Veränderungen im Milieu und Veränderungen im betrachteten System.
Das Mittel der Kopplung ist die Sprache. Wenn also zwei Individuen miteinander "sprachen" und ihre Beobachtungen sprachlich koordinieren, abstimmen und sprachlich aufeinander Bezug nehmen (eine gemeinsame Sprache für ihr jeweiliges Koordinieren) entwickeln, schaffen sie sich eine gemeinsame Welt. Diese Welt ist ein emergentes, also ein neu entwickeltes System, das nicht auf eines der beiden beteiligten Individuen, d.h. nicht auf ihre "Kognitionssysteme" (Bewußtseinssysteme) zurückgeführt, nicht aus ihnen abgeleitet werden kann.
Luhmann nimmt nicht die Individuen (bzw. "Personen") als Elemente des Kognitionssystems wie des sozialen Systems, sondern trennt das Kognitionssystem vom sozialen System. Kognitionssysteme bilden sich durch das Denken (das Bewußtsein), soziale Systeme durch Kommunikation. Da wir in Sprache denken und Sprache auch das wesentliche Medium der Kommunikation darstellt, bildet die Sprache das Verbindungsmedium zwischen Kognition und Kommunikation. Für das Bewußtsein ist Kommunikation "Umwelt", für Kommunikation ist das Bewußtsein Umwelt. Somit ergeben sich verschiedene Formen struktureller Kopplung:
(1) zwischen Bewußtseinssystem und Bewußtseinssystem
(2) zwischen Kommunikationssystem und Kommunikationssystem
(3) zwischen Bewußtseinssystem und Kommunikationssystem.
Im letztgenannten Fall treffen sich in der Person zwei Systeme bzw. laufen nebeneinander (strukturgekoppelt) her. Die Beteiligten denken sich "ihren Teil" und kommunizieren miteinander. Sie sagen auch gelegentlich, was sie denken, aber das, was sie äußern, "gehört" in diesem Moment schon nicht mehr zur Person, sondern ist Teil der Kommunikation.

Operationale Geschlossenheit

Wir können aber sagen, dass sie (Metazeller, StS) eine operationale Geschlossenheit ihrer Organisation aufweisen: Ihre Identität ist durch ein Netz von dynamischen Prozessen gekennzeichnet, deren Wirkungen das Netz nicht überschreiten." (S. 100)

Organisation und Struktur II

Tatsächlich liegt der Schlüssel zum Verständnis des Ursprungs der Evolution in [...] der inhärenten Verbindung zwischen Unterschieden und Ähnlichkeiten auf jeder Fortpflanzungsstufe, in der Erhaltung der Organisation und der Veränderung der Struktur. (S 105)

Was Information macht

Bei der Interaktion zwischen dem Lebewesen und der Umgebung innerhalb dieser strukturellen Kongruenz (zwischen Lebewesen und Milieu, StS) determinieren die Perturbationen (= Informationen, StS) der Umgebung nicht, was dem Lebewesen geschieht; es ist vielmehr die Struktur des Lebewesens, die determiniert, zu welchem Wandel es infolge der Perturbation in ihm kommt." (S. 106)

Wechselseitig

Die Strukturkopplung ist immer gegenseitig; beide – Organismus und Milieu – erfahren Veränderung. (S 113)

Organisation und Struktur III

Mit anderen Worten: Jede Ontogenese als die individuelle Geschichte strukturellen Wandels ist ein Driften von Strukturveränderungen unter Konstanthaltung der Organisation und daher unter Erhaltung der Anpassung. (S. 113)

Erwartung

Erfolg oder Misserfolg einer Verhaltensweise sind immer durch die Erwartungen definiert, die der Beobachter bestimmt. Würde der Leser die gleichen Bewegungen und Haltungen, wie er sie beim Lesen dieses Buches vollzieht, allein in einer Wüste durchführen, wäre sein Verhalten nicht nur exzentrisch, sondern pathologisch. (S. 151)

Operational geschlossen

Das Nervensystem ist ein Netzwerk aktiver Komponenten, in dem jeder Wandel der Aktivitätsrelationen zwischen den Komponenten zu weiterem Wandel zwischen ihnen führt. Das Operieren des Nervensystems besteht darin, einige dieser Relationen trotz fortdauernder Perturbationen – sowohl infolge ihrer eigenen Dynamik als auch infolge der Interaktionen des Organismus – invariant zu halten. Das Nervensystem funktioniert also als ein geschlossenes Netzwerk von Veränderungen der Aktivitätsrelationen zwischen seinen Komponenten. (S. 180)

Niklas Luhmann