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Wissenschaftlicher Wissensbestand

Der wissenschaftliche Wissensbestand 23 umfaßt hauptsächlich vier Wissensarten, die strukturell noch genauer beschrieben werden könnten, worauf hier aus den bereits genannten Gründen verzichtet werden kann:

Erstens universelles oder bereichsspezifisches Theorienwissen über allgemeine Zusammenhänge, um die Strukturen der Wirklichkeit zu erfassen und die Gesetzmäßigkeiten des Geschehens zu formulieren. Insoweit moderne Wissenschaft praktisch angewandt, technisch realisiert und kommerziell genutzt wird, gehört das technische Handlungs- und Herstellungswissen mit dazu, also die Techniken und Praktiken zur Realisierung der „Erkenntnisse" als technische Artefakte und industrielle Produkte. Denn moderne Technik und Industrie ist nicht nur „wissensbasiert" in ihrer Handlungsgrundlage und Herstellungsweise, sondern „verwissenschaftlicht" in dem weitergehenden Sinne, daß theorieförmige Erkenntnisse in technologischer Transformation den Wissenskern bilden - altmodisch gesagt: den Geist in der Maschine. Es handelt sich dabei, je nach Wissenschaftsform (dazu Fünftes Kapitel, Abschnitt II) um praktiziertes, realisiertes und industrialisiertes Theorienwissen.

Zweitens bereichsspezifisches Erfahrungs- und Datenwissen über die konkreten Anfangs- oder Randbedingungen der jeweiligen Problemsituationen, als Komplementärinformation für die wissenschaftlichen Welterklärungen mittels Theorien und die praktischen Weltveränderungen durch Technologien. Hier geht es vor allem um die Anwendungs- und Überprüfungsergebnisse der Theorien. Das sind die empirischen Befunde und statistischen Daten der Fachwissenschaften zu den von ihnen arbeits- und wissensteilig untersuchten, insgesamt betrachtet zumeist relativ kleinen Wirklichkeitsausschnitten. Nachdem dank der EDV die natürlichen Grenzen der menschlichen Speicher- und Verarbeitungsfähigkeit entfallen sind, liegt das wissenschaftliche Datenwissen in den natur- und sozialwissenschaftlichen Informationsbanken in riesigen Mengen vor, als Datenmassen und Massendaten zur beliebigen Verwendung, sofern der Datenschutz nicht entgegensteht.

Drittens allgemeines oder bereichsspezifisches Regel- oder Steuerungswissen über die Verfahren zur Erforschung der Wirklichkeit, also zur Erzeugung und Anwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, einschließlich der Computerprogramme zu ihrer wissenstechnischen Verarbeitung. Nach abnehmender Strenge eingeteilt, handelt es sich bei diesen Regelwerken der Wissenschaft um Algorithmen (deterministische Verarbeitungsregeln), Methodiken (indeterministische Prüfregeln) und Heuristiken (unverbindliche Suchregeln), einschließlich diesbezüglichn Proto- und Metawissens aus Philosophie, Lgok, Wissenschaftstheorie und Wissenspsychologie (“Metakognitionen”)

(in: Die Ordnung des Wissens, S. 75f)