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Außerwissenschaftlicher Wissensbestand

Zum qualitativ weniger gepflegten, inhaltlich schwächer ausdifferenzierten, aber quantitativ größeren außerwissenschaftlichen Wissensbestand zählen, gesehen im Hinblick auf quantitative Umfänglichkeit und vitale Bedeutung:

Erstens die persönlichen Kenntnisse der „Umstände" jedes Einzelnen in seiner „Lebenswelt", d.h. der in ihm selbst und der unmittelbaren Umgebung liegenden lokalen und situativen Randbedingungen, an denen er sein Handeln im gegebenen Kontext - der „Lage" - normalerweise ausrichtet. Für das wirtschaftliche Handeln sind das beispielsweise die individuellen Präferenzen und verfügbaren Ressourcen, wie sie als Nachfrage vom Markt aufgenommen und auf der Angebotsseite in Produktionsentscheidungen umgesetzt werden. Zu diesen Kenntnissen kommt das Können, zumeist in der unsichtbaren Gestalt impliziten Wissens.

Damit untrennbar verbunden sind die subjektiven und intersubjektiven Meinungen der Menschen, als Individuen, Gruppen oder Gesellschaften. Das betrifft den Bereich der Meinungsäußerungen, Glaubensbekenntnisse, Urteilsabgaben zunächst von Privatleuten. Im politischen Raum wird daraus unter Umständen eine „Öffentliche Meinung".

Soweit derartige Kenntnisse in eigener Sache und Lage oder die persönlichen Meinungen datenmäßig erfaßt sind, handelt es sich in der Regel um personenbezogene Daten im Sinne des Datenschutzes, auf die juristisch das Recht auf infonnationelle Selbstbestimmung anwendbar ist. Darin liegt ihre hochaktuell gewordene ordnungspolitische Bedeutung.

Zweitens die empirischen Befunde, als Insgesamt des geschichtlichen und gegenwärtigen Erfahrungswissens im „Gedächtnis" oder „Gehirn" der Gesellschaft - gespeicherte Erinnerungen, gemachte Erfahrungen, neue Ideen und Informationen -, wobei hier wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Erfahrungsbestände im Zuge der Verwissenschaftlichung des Alltags- und Erfahrungswissens inhaltlich ineinander fließen.

Drittens die in Wort, Bild oder Ton von den Massenmedien vermittelten, recherchierten oder erzeugten Nachrichten (über „Tatsachen") und Fiktionen (als „frei erfundene" interessante Unterhaltungsinformation, „Infotainment" genannt). Es handelt sich hier, im Gegensatz zu den bereits genannten Wissensartc,n, um technisch vermittelte Informationen, die in Datenform gespeichert und verbreitet werden. Für die einen sind außerwissenschaftliche Erkenntniseinrichtungen - vom Journalismus bis zu den Sicherheitsdiensten, auch wenn diese ihre Nachrichten nicht öffentlich zugänglich machen -, für die anderen die Unterhaltungsindustrien zuständig.

Viertens die bürokratischen Akten über rechtliche oder faktische „Vorgänge", gespeichert in den Karteien oder Dateien staatlicher Behörden, privater Betriebe und gemischter Verbände.
Soziale Trägerschaften für diese außerwissenschaftlichen Wissensarten sind individuelle (Kenntnisse, Meinungen) oder kollektive Akteure (Registrier- und Kontrollwissen in Akten, Medieninformationen).

(in: Die Ordnung des Wissens, S. 76)