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Die Wissensorndung als 3. Grundordnung

Nach Spinner gibt es drei Grundordungen der Gesellschaft:

  1. Die Rechtsordnung
  2. Die Wirtschaftsordnung
  3. Die Wissensordnung

“Wissen ist ein ubiquitärer (trotzdem meist knapper) Rohstoff und zentraler (obgliech besitzflüchtiger und deshalb stark streuender) Bestandteil der Welt.” (Spinner, S. 24)

“Der kognitive Kern allen Wisses, unbeschadet zusätzlicher epistomologischer Qualifikationen wie Geltung, Gewissheit oder philosophischer Vollkommenheits- und Vernunftsprädikate, ist also der angenommene Informationsgehalt, welcher seinerseits im Ausschluss von Möglichkeiten besteht, die behauptungsgemäß nicht voliegen oder eintreten.[...] Information ist Selektion aus der Alternativmenge eines Möglichkeitsraums. ” (Spinner, S.25f)

Die Sondereigenschaften des Wissens, durch die es zur dritten Grundordnung wird, sind:

  1. Der Symbolcharakter des Wissens (Information “über” etwas)
  2. Die Ungegenständlichkeit des Wissens (Unterschied zwischen Sachgütern und geistigen Gütern)
  3. Die Höherqualifizierbarkeit von Wissen (Wahrheitsfähigkeit als ablehnbares Angebot)
  4. Der Gemeingutcharakter des Wissens (“Deshalb hat es, wenn nichts dagegen unternommen wird, juristisch gesehen den Rechtsstatus eines “herrenlosen” Gemeingutes im Kontext praktischer Freiräume und rechtlicher Freiheiten.” (Spinner S. 29))
  5. Die Nichtausschließlichkeit des Wissensbesitzes (“Deshalb hat Wissen, ökonomisch gesehen, die Beschaffenheit eines “paradoxen” Gutes, welches man hergeben kann, ohne es gänzlich zu verlieren.” (Spinner, S. 30))
  6. Die Selbstbelohungsfähigkeit des Wissensgebrauchs (die Erzeugung, Vermehrung, Verbesserung, Verbreitung von Wissen ist selbstbelohnend)
  7. Die Wandlungsfähigkeit des Wissens und Wanderfreudigkeit von Träger zu Träger (schrankenlose Reproduzierbarkeit)
  8. Das Wissenswachstum (exponentielles Wissensachstum, übertrifft Bevölkerungswachstum um Faktoren)

Alternative Auffassungs- und Behandlungsmöglichkeiten, die man in Erwägung ziehen muß und die - teilweise oder wahlweise, je nach herangezogenen Ordnungsbestimmungen - auch praktisch zum Tragen kommen, wären insbesondere:

  • die wirtschaftsmäßige Betrachtung und Behandlung von Wissen als Ware 33 , seine Produktion als normales Wirtschaftsgut für den Gütermarkt, veranstaltet als „Supermarkt der Ideen";
  • die rechtsförmige Auffassung von Wissen als Sache , d.h. als materielles Gut, mit dem vollen Eigentumsrecht des § 903 BGB, „soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben zu verfahren und andere von jeder Einwirkung auszuschließen."

Beide Alternativen liefen darauf hinaus, ausgesprochen oder stillschweigend, daß entgegen dem hier vertretenen Standpunkt Wissen ein gewöhnliches Gut sei wie andere Güter auch, für das eine eigenständige Wissensordnung weder möglich noch nötig ist. An die Stelle der dritten Grundordnung für den Wissensbereich träte die erste oder zweite Grundordnung: die Rechtsordnung für Wissen als Sache im Volleigentum ihrer Besitzer; die Wirtschaftsordnung für Wissen als Ware im ökonomischen Kreislauf, ohne eigene „Ordnung" zwecks Hegung von gesteigerten Wissensfreiheiten oder gar zur Kultivierung von abgekoppelten Wissensaktivitäten in „Sondermilieus".

Die Probe aufs Exempel wäre: Man bilde unbeschränkte Eigentumsrechte an Wissensgütern und schaffe größtmögliche Freiheiten zu ihrer Nutzung - welche individuellen, sozialen, gesamtgesellschaftlichen, weltweiten Wissenslagen ergeben sich daraus als Rechts-, Wirtschafts- und Technikfolgen innerhalb der realexistierenden Gesellschaftssysteme und ihrer internationalen politischen Umwelten? Osteuropa und die Dritte Welt sind dafür Prüffelder im unfreiwilligen Experimentierstadium, leider ohne rationale Erfolgskontrolle nach Maßgabe objektiver Außenkriterien.
Vermittelnde Positionen sind unter anderem:

  • die gemäßigt ökonomische, insgesamt wohl vorherrschende Betrachtung von Wissen als Öffentliches Gut , welches zwar im üblichen Rahmen der Rechts- und Wirtschaftsordnung erzeugt werden muß, aber nicht nach privatwirtschaftlichen, sondern nach öffentlich-rechtlichen Gesichtspunkten verteilt wird und genutzt werden kann (zum Beispiel auch von Nichtzahlern, den sogenannten Trittbrettfahrern);
  • die wertphilosophische und kulturpolitische Betrachtung als universelles Kulturgut, wie sie gegenwärtig vor allem von den politischen und kulturellen Weltorganisationen (UNESCO, u.a.) favorisiert wird, um es aus den engen Restriktionen nationaler Rechts- und Wirtschaftsordnungen herauszuheben und für den interkulturellen Austausch zu qualifizieren (des freien, grenzüberschreitenden Informationsflusses der Massenmedien z.B.).

Ohne diese theoretischen Deutungs- und praktischen Behandlungsmöglichkeiten gänzlich auszuschließen, die unter besonderen Umständen - ergänzend oder konkurrierend - in Betracht kommen können, wird im folgenden Wissen sui generis genommen, d.h. primär als Wissensstoff verstanden, dessen allseitige Sonderstellung eine eigene Ordnung verlangt. Das ist die im folgenden vorgestellte Wissensordnung in dieser oder jener Ausgestaltung, welche sich mit den anderen Ordnungen der Gesellschaft überschneiden kann, aber mit keiner nahtlos deckt, auch nicht heute unter dem Einfluß der zunehmenden Verrechtlichung aller Lebensbereiche und der ausgreifenden Kommerzialisierung des kulturellen und informationellen Sektors. Die Welt des Wissens hat zwar wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Sondermilieus entwickelt, bildet aber deswegen keine Insel in der umgebenden Gesellschaft. Es gibt Brücken und Tunnels, Überschwemmungen und Verwüstungen.

Diese Vorüberlegungen lassen sich mit einer Abwandlung von Norbert Wieners Diktum zusammenfassen: „Wissen ist Wissen, zum speziellen Gebrauch außerdem wahlweise Ware, Sache, Öffentliches Gut und Kulturgut".

33 Zum möglichen, zumindest für manche Wissensarten - besser wohl: für bestimmte Gebrauchsweis en - nicht völlig aufhebbaren Warencharakter vgl. Wersig//nformat ionssoziologie, S. 177ff.

Die Ordnung des Wissens, S. 32f.